Bergheim-Wallfahrt

Die jährliche Wallfahrt der Sankt Sebastianus Bruderschaft Allrath 1533 stammt aus einem Gelübde, das die Allrather Bevölkerung einmal im Jahre 1533 abgegeben hatte.

Als in Allrath (u.a.: Aldenrath, Aldenroyde, Aldenrode genannt) die grauenvolle Seuche oder Pest um das Jahr 1533 wütete, flohen die Einwohner des besagten Dorfes unter den Schutz der heiligen Jungfrau Maria und des heiligen Märtyrers Sebastian und errichteten zur Ehre der unbefleckt empfangenen heiligen Jungfrau Maria und des heiligen Sebastian eine Bruderschaft, die sie aus Gemeindeeigentum und natürlich auch durch Belastung ihrer Äcker begründeten und stifteten. (Zitat: „Grassante in Aldenrath dira lue seu peste circa annum 1533, incolae dicti pagi sub praesidium B.M.V. et s Sebastiani erexerunt confraternitatem, quam ex mediis propiis, suos minirum agros gravando, fundarunt et ditarunt.“)

Von den üblichen Prozessionen in Allrath, ist die historisch bedeutendste jene, welche alljährlich am Sonntage nach Mariä Geburt (8. September) unter Begleitung eines Geistlichen nach ‚Bergheimerdorf‘ (heute: Bergheim) ausgeführt wird. Bergheim zählte zwar nie zu den bekannten ‚großen‘ Wallfahrtsorten, obwohl die dortige Verehrung der „Schmerzhaften Mutter Gottes“ in einigen –auch überregionalen- Veröffentlichungen darauf hingewiesen wird.

Lange Zeit, vor allem bis ins 18. Jahrhundert hinein, als das Gnadenbild noch im ‚Kloster Bethlehem‘, einem im frühen 15. Jahrhundert gegründeten Ort –ab 1655 Klosterstandort-, stand, war der Ort Bergheim schon sehr früh ein Pilgerziel ‚mit beträchtlicher regionaler Bedeutung‘.

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(Historische Karte 1807)

Jahre 1608 wird die verfallene Kapelle auf Anordnung von Herzog Johann Wilhelm in Ziegelstein neu und größer errichtet. Zur Betreuung des Heiligtums, das immer noch großen Zulauf hatte, wurden 1637 Franziskaner in der strengen Form der Rekollekten (zurückgezogen lebenden) berufen, die zuerst in Bergheim nahe der ‚Georgskapelle‘ wohnten. Der tägliche mühsame Weg vom Wohnort zur Kapelle bewog zum Antrag auf eine Klostergründung nahe dem Gnadenbild, dem 1639 vom Herzog stattgegeben wurde, der auch das Grundstück im herzoglichen Wald zur Verfügung stellte. Bevor im Jahre 1655 das Kloster gebaut wurde, war die kleine Kapelle bereits seit dem Jahre 1520 zu einem der bedeutendsten rheinischen Pilgerstätten geworden. Die Wallfahrer kamen aus dem linksrheinischen Raum zwischen Aachen, Neuss und Köln. Zu diesem Zeitpunkt kamen jährlich bis zu 50 Pilgergruppen an das Gnadenbild im Kloster.

Mit der Auflösung des ‚Klosters Bethlehem‘ im Jahre 1803 durch die französischen Besatzer, änderte sich auch das Pilgerziel. Das Gnadenbild wurde in dem Jahr vom ‚Kloster Bethlehem‘ in die Pfarrkirche ‚Sankt Remigius‘, der bedeutendste romanische Kirchenbau im Rhein-Erft-Kreis, überführt und seitdem ist das Pilgerziel die  sehr schöne Pfarrkirche in Bergheim.

Im Jahre 1860 zählte Bergheim insgesamt noch 23 Prozessionen aus Nah und Fern. Neben den Wallfahrten aus dem Kölner und Aachener Raum kamen aus dem Raum Neuss/Grevenbroich folgende Orte/Pfarreien nach Bergheim: Neukirchen, Hackenbroich, Neurath, Morken (-Harff), Neuenhausen, Königshoven, Gustorf und eben Allrath selbst.  In den Folgejahre schrumpfte zwar die Zahl der Wallfahrten, aber noch im Jahre 1966 waren neben Allrath noch 12 weitere Orte/Pfarreien ihrer jährlichen Wallfahrt treu geblieben.

Die Prozession von Allrath nach Bergheim ist in Folge eines Gelübdes in Verbindung mit der Gründung der Bruderschaft aus der o.g. Pestzeit entstanden. Fast jedes Haus stellte damals bis weit in die Neuzeit hinein, dazu einen oder mehrere Pilger, denn es war eine „selbstverständliche Pflicht“ aller Allrather Bürger an dieser Prozession teilzunehmen. Leider ist dieses Selbstverständnis heute nicht mehr gegeben.  

Diese Wallfahrt fand mit wenigen Unterbrechungen (meist zu Kriegszeiten) über die Jahrhunderte hinweg nahezu ununterbrochen statt. Mit Gebetsstöcken, Kreuz, Fahnen, Weihwasserkelch und Weihrauchschwenker ausgestattet, gingen die Pilger in Begleitung von Messdiener und Pfarrer in Gewänder geschmückt, frühmorgens mit Gebeten und Kirchenliedern in Richtung Bergheim. Soweit bekannt, wurde diese Prozession schon in den Gründungsjahren von einem Transportgefährt (meist für Gepäck, Kranke usw.) begleitet. Unvergessen dürfte die Zeit sein, als der Allrather Landwirt Johann Wiersma, später sein Sohn Peter, diese Prozession mit einem Pferdegespann, später mit Traktor und Anhänger begleitete. Noch bis in die 1950-er Jahre wurden sowohl der Hin-, als auch der Rückweg zu Fuß bewältigt. Danach wurde zur Erleichterung für die Pilger dann der Rückweg auf dem o.g. Pferdegespann bzw. Traktorgespann angetreten. Als diese Transportmöglichkeit aus Sicherheitsgründen verboten wurde, erfolgte der Rücktransport durch ein örtliches Busunternehmen. Erst in der neueren Zeit (etwa um Anfang der 1970-er Jahre) musste die Prozession ausfallen, da der historische Prozessionsweg über die Orte Neurath und Buchholz nach Bergheim durch den Braunkohletagebau unterbrochen wurde und der Ersatzweg (Fußweg) einen deutlich längeren Weg mit sich brachte, der außerdem sehr beschwerlich zu gehen war. Erst im Jahre 1988 konnte endlich ein passender Ersatzweg, bedingt auch durch die bis dahin fertiggestellten Rekultivierungsmaßnahmen des Braunkohletagebaus, zum historischen Prozessionsweg nach Bergheim gefunden werden. Am 11.09.1988 pilgerten dann erstmalig wieder die Allrather Bevölkerung mit dem Thema ‚Allrath geht nach Bergheim‘ und unter der Führung der Sankt Sebastianus Bruderschaft zum Gnadenbild der schmerzhaften Mutter nach Bergheim.

Gnadenbild Bergheim

(Gnadenbild der schmerzhaften Mutter in der Pfarrkirche St. Remigius Bergheim)

Sehr herzlich war dort der Empfang. Die Pilger wurden am Orteingang von Bergheim vom damaligen Pfarrer mit einer Abordnung von Messdienern empfangen. Nach einem Segenswort durch den Pfarrer ging es nun gemeinsam mit den Pilgern zur sehr schönen und sehenswerten Pfarrkirche Sankt Remigius.

Pfarrkirche Bergheim

(Pfarrkirche St. Remigius Bergheim)

Dort wurde dann eine feierliche „Pilgermesse“ gemeinsam mit den Pilgern aus Grevenbroich – Neukirchen, die ebenfalls seit Jahrhunderten nach Bergheim pilgern, gelesen, zu deren Beginn der Pfarrer die örtlichen Messebesucher bat, die Sitzbänke doch vorwiegend für die Pilger aus Allrath und Neukirchen freizumachen. Diese nette Geste wird bis heute in St. Remigius praktiziert.   

Im Laufe der Zeit wurde die Wallfahrt nach Bergheim den Bedürfnissen der Zeit angepasst und wird seit vielen Jahren neben der traditionellen Fußwallfahrt, auch eine Buswallfahrt und seit 2015 –auch wieder nach längerer Unterbrechung- auch eine Radpilgergruppe angeboten. Die Sankt Sebastianus Bruderschaft Allrath, als Organisator dieser Wallfahrt, erhofft sich hierdurch auch eine höhere Teilnehmerzahl zur Stärkung bzw. Wiederbelebung der historischen Wallfahrt nach Bergheim.  

Wie so vieles sich im Laufe der Jahre geändert hat, so hat sich auch die Einstellung zur Kirche, deren Institutionen und  deren Riten, Gebräuche und Sitten geändert. Diese Änderung ist auch an Allrath nicht spurlos vorbei gegangen und es wird leider seit geraumer Zeit allgemein die Meinung vertreten, dass die Prozession -hier die Wallfahrt nach Bergheim- ausschließlich eine „Angelegenheit der Bruderschaft“ sei. Diese irrige Meinung lässt sich leider nicht aus der Welt schaffen und so muss auch die Sankt Sebastianus Bruderschaft Allrath feststellen, dass auch in Allrath das allgemeine Interesse an der Kirche, deren Institutionen und deren Gebräuche -hier die Wallfahrt nach Bergheim- trotz aller Neuerungen und Erleichterungen für die Teilnehmer, nur noch wenige Interessenten zu begeistern sind. Nichtsdestotrotz wird die Sankt Sebastianus Bruderschaft Allrath versuchen, dieses Gelübde aus der Gründungszeit weiter fortzuführen und möglichst auch neu zu beleben, denn es ist nicht nur ihre, sondern auch eine allgemeine und persönliche Pflicht eines jeden Einzelnen, Traditionen den nachfolgenden Generationen zu erläutern, näher zu bringen, zu erhalten und dann möglichst deren Fortführung zu sichern. 

Quellennachweis:
Archiv St. Sebastianus Bruderschaft Allrath 1533
‚Der Wallfahrtsort Bergheim‘, Dr. G. Nicolini
www.St.Remigius Bergheim.de
www.Bergheim.de
www.wickipedia/Bergheim.de